Erwartungen erfüllt?

Gerade in diesem Jahr ist mir besonders aufgefallen, dass die unterschiedlichen Dienstleistungsanbieter in der Gastronomie, in der Touristik, in der Kultur, in der Autobranche, in der Medizin und anderen Bereichen mir ein Mail schicken und mich um meine Bewertung bitten, wie ich ihre Dienstleistung, ihren Service … erlebt habe. Nach einer längeren Reise oder einem grossen Anlass im Restaurant verstehe ich ja dieses Anliegen. Aber letzte Woche wollte ein Restaurant meine Bewertung nach einem Mittagessen in der Woche für zwei Personen haben. Das war mir dann doch überprofessionalisiert und bald lächerlich dahergekommen.
Da wird der Nutzer, resp. die Nutzerin nach ihren Erwartungen gefragt, ob diese erfüllt worden seien und was man verbessern könnte. Mit dem Bewerten und Optimieren kann es auch übertrieben werden.
Nun, wir stehen jetzt an der Jahresschwelle von 2022 zu 2023 und stellen Sie sich vor, ich frage Sie: Wie haben Sie das Jahr 2022 erlebt, wurden Ihre Erwartungen erfüllt – gar nicht, wenig, übertroffen? Was würden Sie ändern damit, Ihre Erwartungen optimal erfüllt wären?
Da sollten zunächst die Parameter definiert werden – Erwartungen im persönlichen Bereich, im Berufsleben, in der Schweiz sowie in Europa und weltweit.
Ich vermute, dass fast jede und jeder sagt, einen Krieg in Europa, resp. in der Ukraine habe ich sicher nicht auf dem Schirm gehabt. Und dass wir uns in unserem Land einmal einschränken sollten beim Energieverbrauch, war sicher keine Erwartung. Meine Erwartungen und Hoffnungen gingen in die Richtung, dass die Coronapandemie nicht mehr uns regiert und wir mehr und mehr auf Einschränkungen verzichten und uns auf mehr Kontakte freuen können.
Aber eben andere Themen, auch Sorgen und Ängste haben ihren Raum und unsere Auseinandersetzung mit ihnen gefordert.
Der dänische evangelische Theologe und Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) prägte den Satz: «Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.»
Im Lukasevangelium des Neujahrstages lesen wir: «Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für alles, was sie gesehen und gehört hatten, so wie es ihnen gesagt worden war.» So war ihr Eindruck, als sie zurückblickten, was sie im Stall in der Begegnung mit dem Kind erlebt hatten. Die Hirten würden in unserem heutigen sprachlichen Jargon sagen: unsere Erwartungen sind sehr übertroffen wurden und wir wurden vom Neugeborenen so erfüllt. Wir können den Besuch an der Krippe weiterempfehlen, die Begegnung mit Jesus lohnt sich.
Ich hoffe, dass sie trotz dem Schweren, was vielen Menschen in der Welt zugemutet wird, und trotz persönlicher Sorgen oder Trauer nach vorwärts leben können, auch wenn noch nicht alles aus der Vergangenheit jetzt verstanden wird.
 
Und so wünsche ich Ihnen allen im Namen des Pfarreiteams den Mut, das Leben vorwärts zu leben, begleitet vom Segen, wie es im Buch Numeri 6, 24-6, der Lesung vom Neujahrstag, heisst:
«Gott segne dich und behüte dich.
Gott lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.
Gott wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.»
Gabriele Tietze Roos
Veröffentlicht am 4. Januar 2023 Kategorie(n): Aktuell